Karin Hartmann – Nicht mehr jung, aber zäh

Karin Hartmann kennt das Leben mit allen Höhen und Tiefen. Es hat sie zäh gemacht. Zäh, aber nicht unnahbar. Sie ist eine herzliche Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und trotzdem noch Visionen hat. Eine Landtagsabgeordnete, wie man sie sich wünscht; die traditionelle Werte lebt, anderen aber das Leben nicht diktiert. Eine, die weiß, was es heißt zu gewinnen und zu scheitern. Eine Abgeordnete, die sich nicht scheut, sinnvolle Projekte auch parteiübergreifend zu organisieren. Auf der Suche nach Lösungen ist es für sie selbstverständlich, Menschen einzubeziehen und nicht über deren Köpfe hinweg zu entscheiden.

Die Themen von Karin Hartmann sind oftmals schwer. Armutsbekämpfung, ein starker Sozialstaat und Absicherungen, die davor bewahren, in schwierigen Situationen tief zu fallen. Alles Inhalte, die Menschen auch in schwierigen Situationen Sicherheit geben sollen. Sie macht Probleme, vor denen man gern die Augen verschließt, zum Thema. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass jeder im Leben an den Punkt kommen kann, wo die Löcher von sozialen Sicherungssystemen deutlich werden. So ging es Karin Hartmanns Familie. Deshalb ist sie beim Thema soziale Sicherung unnachgiebig.

Die Kindheit von Karin Hartmann ist noch ganz behütet. Ihr Vater arbeitet als Forstwirt, ihre Mutter ist Aushilfskraft. Beide träumen sie davon, dass es ihren Kindern einmal besser gehen soll. Deshalb haben beide ein Haus gebaut und es sich ‚vom Mund abgespart‘. „Meine Kindheit war wunderschön, aber auch geprägt von Verzicht“, sagt die Abgeordnete heute. „Meine Eltern haben sich sehr darum bemüht, mit mir und meinem jüngeren Bruder viel gemeinsam zu unternehmen , auch wenn wir uns nicht alles leisten konnten. Sie waren immer liebevoll, aber sie hatten die traditionelle Vorstellung, dass ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen trotz guter Noten besser auf die Realschule als aufs Gymnasium geht. .“ Da ihr das Lernen leichtfällt, macht sie nach der Mittleren Reife doch noch Abitur.

Karin Hartmann ist schon immer ehrgeizig und misst sich nicht nur in der Schule, sondern auch im Sport mit den Jungs und schreibt die besseren Noten. Sie entscheidet sich für Ausdauersportarten, bei der Kondition und Kampfgeist eine Rolle spielen. Handball, Fußball, Tennis und Leichtathletik – sie will gewinnen und glaubt , dass es in ihrem Leben immer bergauf gehen wird. Wenn man nur ehrgeizig und fleißig genug ist.

Nach der Devise „Hürden sind dazu da, überwunden zu werden“, sucht sie ständig neue Herausforderungen und scheut nicht den Konflikt mit allen Regeln, die sie einschränken. Mädchen spielen keinen Fußball? – Sie tut es trotzdem. Die Realschule reicht? – Sie belehrt ihre Lehrer und Eltern eines Besseren und schafft nach der Realschule das Abitur. Ihr Weg führt sie an die Universität. Sie studiert in Darmstadt in einem männerdominierten Umfeld Soziologie, Finanzwissenschaft und Psychologie und beweist, dass auch Frauen aus Arbeiterfamilien gute akademische Leistungen erbringen können.

Zu dem Zeitpunkt, als sie glaubt, die Kontrolle über ihren Lebensweg zu haben, steigt ein betrunkener Mann in sein Auto und meint, auch in diesem Zustand die Kontrolle über seinen Wagen zu haben. Ein Unfall folgt, der Hartmanns Vater lebensgefährlich verletzt und berufsunfähig macht. Die bescheidenen, aber gesicherten Verhältnisse in ihrer Familie zerplatzen darüber, dass der Vater als Hauptverdiener plötzlich ausfällt und die Familie plötzlich vor dem Nichts steht. Zu den finanziellen Problemen kommen noch gesundheitliche hinzu und zwingen Karin Hartmann, so schnell wie möglich ihr Diplom zu machen und Geld zu verdienen. All die Leichtigkeit ist über Nacht verloren.

„Das sind die Zeiten, in denen man lernt, was ein funktionierender Sozialstaat bedeutet und dass es dort eben auch „Löcher“ gibt, die einem bislang nicht bewusst waren. Manchmal entscheiden nur Sekunden über die Zukunft von ganzen Familien. Unverschuldet lebenslang. Man glaubt dann, dass man am Tiefpunkt des Lebens ankommt und stellt fest, dass man auch unverschuldet tief fallen kann.“

Die neue Ernsthaftigkeit führt dazu, dass Karin Hartmann, die sich bislang nur in Hochschulgremien engagiert hat, in die SPD eintritt. Als junge Frau aus einfachen Verhältnissen hat sie erfahren, wie wichtig eine gute Bildungspolitik für mehr Chancengleichheit ist. Geprägt von den persönlichen Erfahrungen kämpft sie dafür, den Sozialstaat so auszubauen, dass er Menschen, die unverschuldet in Schwierigkeiten geraten, mehr Sicherheit bietet. In einem von älteren Männern geprägten kommunalpolitischen Umfeld wird Hartmann als junge Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, kritisch beobachtet. Aber finanzwissenschaftliches Wissen und ihre Zähigkeit helfen ihr weiter. Sie kämpft sich nach oben, wird Fraktionsvorsitzende und vertritt ihre Fraktion im Haushalts- und Finanzausschuss. Mit ihrem Engagement erarbeitet sie sich parteiübergreifend soviel Respekt, dass ihr mit Mitte zwanzig das Amt der Gemeindevertretungsvorsitzenden übertragen wird – ein Amt, das bislang älteren „verdienten“ Männern vorbehalten war. Politik macht ihr soviel Spaß, dass sie die Geschäftsführung der SPD Kreistagsfraktion übernimmt und unmittelbar nach der Geburt ihrer Tochter wieder berufstätig ist. Zugute kommt ihr dabei, dass sie aus Darmstadt wieder zurück in den Odenwald zieht und in einem gut funktionierenden familiären Mehrgenerationenhaus lebt. Mit Mitte dreißig kandidiert sie für den Landtag und rückt schließlich 1995 überraschend nach. Im Parlament kümmert sie sich um ihre Herzensthemen Bildungs- und Sozialpolitik. Da sie die Erfahrung gemacht hat, dass die wichtigsten Entscheidungen nicht in den Fach-, sondern in den Finanzausschüssen gefällt werden, engagiert sie sich auch im Haushaltsausschuss, um sich dort für gute Bildung und Sozialpolitik stark zu machen.

1998, nur wenige Tage nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter, ist Karin Hartmann gefordert, neben dem politischen Tagesgeschäft auch noch den Landtagswahlkampf und die Erziehung ihrer Töchter zu organisieren. Mit Stolz verweist sie darauf, dass es ihren Töchtern keinesfalls geschadet hat, sie zu vielen Sitzungen und Terminen zu begleiten. Sie betont aber auch, dass dies in einer Zeit, in der Ganztagsangebote auf dem Land noch reines Wunschdenken waren, ohne ihr familiäres Netzwerk nicht möglich gewesen wäre.
„Immer, wenn es im Leben bergauf geht, gibt man sich der Illusion hin, man wäre vor jeder Katastrophe geschützt.“ Dass dem nicht so ist, wird Karin Hartmann 2008 bewusst, als sie durch eine landesweite historische Niederlage der SPD ihr Mandat im Landtag verliert. Zu Anfang glaubt sie noch, dass sie als ehemalige Abgeordnete schnell wieder etwas Passendes findet. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht. Sie wird arbeitslos. „Ich musste mir meinen Weg wieder zurück in den Beruf erkämpfen.“ Erst findet sie eine befristete Anstellung in einer Agentur, dann bei Fraport, und schließlich übernimmt sie die Leitung in einem befristeten Projekt zum Aufbau eines Netzwerkes für Alleinerziehende. „Wenn man selbst erlebt hat, wie sich die ständige Angst darüber, dass die befristete Stelle nicht verlängert wird, anfühlt, kann man Existenzängste leichter nachvollziehen. Im Parlament wissen das nur wenige. Zu wenige.“

Nach fünf Jahren außerhalb des Parlamentes gelingt Hartmann 2014 der erneute Einzug in den Hessischen Landtag. „Ich dachte in meinen ersten Jahren im Landtag immer, ich hätte verstanden, was wir im Sozialstaat brauchen. Heute weiß ich, dass einschneidende persönliche Erfahrungen nochmal eine neue Perspektive eröffnen. Nachdem ich persönlich erlebt habe, wie bedrückend es ist, wenn Existenzängste alles überlagern, kann ich noch viel besser einschätzen, was soziale Netzwerke in allen Lebensbereichen bedeuten. Und man sollte sich nie in Sicherheit wiegen, es könnte einem selbst nicht treffen.“

Hartmanns Ziel ist noch immer eine bessere Bildungs- und Sozialpolitik und eine verlässliche soziale Absicherung. Ein Ziel, an dem sie jeden Tag arbeitet. „Ich weiß, wo die Löcher im System sind. Ich habe es selbst erlebt. Ich will diese Löcher schließen und bin der Überzeugung, dass gute Bildung zwar keine Garantie, aber eine wichtige Voraussetzung ist, um Krisen erfolgreich zu bewältigen.“

Dass sie für dieses Ziel noch genügend Kraft hat, beweist sie immer wieder. Denn selbst mit Ende Fünfzig schlummert in ihr noch immer der alte Kampfgeist. Den zeigt sie in der Politik ebenso wie im Sport. Zum Wahlkampfauftakt hat sie an einem Tag wieder eine Radtour durch 14 Städte und Gemeinden ihres Wahlkreises absolviert. Mehr als 120 Kilometer und über 1400 Höhenmeter hat sie bewältigt. Karin Hartmann ist nicht mehr jung, aber zäh und konditionsstark und immer noch verrückt genug, sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Karin Hartmann kandidiert für den Wahlkreis 55 Bergstraße II.

Erfahren Sie mehr über Karin Hartmann auf ihrer Website oder auf Facebook.